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Frauenspuren Dornbirn – Sichtbarkeit, Vielfalt und ein neuer Blick auf eine Stadt

Ein digitaler Stadtrundgang macht die unsichtbare Hälfte der Dornbirner Stadtgeschichte sichtbar – ab Mai 2026.

Smartphone-Screen der i.appear-WebApp mit dem Frauenspuren-Rundgang: zwei illustrierte Frauen in viktorianischer Kleidung vor einer Dornbirner Stadtkulisse, darüber der Header „Frauenspuren“, darunter die Stations-Übersicht.

Im Mai 2026 startet in Dornbirn ein neuer digitaler Stadtrundgang: Frauenspuren. Grundlage ist das gleichnamige Buch der Historikerin Roswitha Fessler, erschienen als Band 54 der Dornbirner Schriften. Ab dem Start ist der Rundgang kostenlos in der i.appear-WebApp abrufbar.

Erzählt werden Geschichten von Dornbirner Frauen aus dem 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine Erfinderin etwa, die mit 54 ein Patent auf einen energiesparenden Herd anmeldete. Eine Trentiner Marktfrau, die sechzig Jahre lang den Dornbirner Marktplatz prägte. Die erste Ärztin Vorarlbergs. Eine Sozialdemokratin, die ins Zuchthaus kam, weil sie Schweizer Radio gehört hatte. Eine Opernsängerin mit „Prachtstimme“, die heute fast vergessen ist. Eine Botanikerin, deren Herbarium noch in der inatura liegt – über deren wissenschaftliche Arbeit aber im Nachruf kein Wort stand.

Dazu kommen Geschichten, die wehtun: eine Nationalsozialistin, die illegalen Nazis bei der Flucht über die Berge half. Eine Bierbrauerin, die nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes mit zwei kleinen Kindern den grössten Gasthof Dornbirns weiterführte. Eine Arbeiterin, die mit zwölf in die Textilfabrik kam und Jahrzehnte später als „freches Weib“ beschimpft wurde, weil sie auf Mai-Aufmärschen sprach, „als noch keine andere Frau das wagte“.

Wer die ganzen Geschichten hören möchte, geht den Rundgang. Dieser Beitrag stellt eine andere Frage: Warum braucht es ihn überhaupt? Und welche Geschichten sind in Dornbirns Stadtbild bisher unsichtbar geblieben?

Worum es bei Frauenspuren kurz gefasst geht

Frauenspuren ist im Kern eine Übersetzung. Im Mittelpunkt steht das Buch der Historikerin Roswitha Fessler: Frauenspuren – ein anderer Blick auf Dornbirns Geschichte im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, 192 Seiten, erschienen als Band 54 der Dornbirner Schriften. Eine über Jahre gewachsene Forschungsarbeit, in der Fessler Frauen aus den Quellen herausgehoben hat, die das offizielle Stadtgedächtnis kaum kennt: Erfinderinnen, Marktfrauen, Ärztinnen, Sängerinnen, Botanikerinnen, Sozialdemokratinnen, NS-Funktionärinnen. Ohne dieses Buch und ohne Roswitha Fesslers Forschung gäbe es den digitalen Rundgang nicht. Was an den Stationen zu hören ist, sind nicht Stadtmarketing-Schnipsel, sondern Auszüge aus belegter historischer Arbeit, in eine ortsbasierte Form übersetzt.

Frauenspuren gehört zur Kategorie i.history: dokumentierte, quellenbasierte Stadtgeschichte am Originalschauplatz, jede Station ortsgebunden. In diesem Fall mit dezidiert feministischem Blick auf eine Stadt, die in den Quellen mehrheitlich männlich erzählt ist. An jedem Stopp gibt es eine Audio-Erzählung auf Deutsch oder Englisch, historische Fotos und Dokumente aus dem Stadtarchiv Dornbirn, Zeitungsausschnitte, Patentskizzen sowie Illustrationen von Lisa Althaus.

Am Projekt beteiligt sind weiter das Stadtarchiv Dornbirn (Mag. Werner Matt), das Bildmaterial und Quellen zur Verfügung stellt, sowie die Illustratorin Lisa Althaus, deren Arbeiten den Stationen ihre visuelle Handschrift geben. Bei i.appear hat Marilena Tumler die Umsetzung übernommen.

Wer Frauenspuren gehen will, öffnet einen Link im Browser, nimmt das Smartphone in die Hand und legt los. Kein App-Download, keine Registrierung, keine Datenerhebung. So funktioniert i.appear grundsätzlich.

Sechs von vierundneunzig: was Dornbirns Strassennamen verraten

Strassennamen sind unauffällige Botschaften. Wer durch eine Stadt geht, registriert sie meist nicht bewusst, aber sie kommen mit. Sie teilen mit, wer wichtig genug war, um nach dem Tod ein Stück Stadtraum zu bekommen – und durch das, was fehlt, auch, wer es nicht war.

Wir haben uns die Dornbirner Strassenliste angeschaut: 516 Verzeichniseinträge insgesamt, davon 94 Strassen, die nach konkret benennbaren Personen heissen. Das Verhältnis fällt eindeutig aus.

  • Männer: 88 (93,6 %)
  • Frauen: 6 (6,4 %)

Die sechs Frauenstrassen sind die Angelika-Kauffmann-Strasse (nach der Schwarzenberger Malerin, 1741–1807), der Herta-Witzemann-Weg (nach der Dornbirner Innenarchitektin und Professorin, 1918–1999), die Katharine-Drexel-Strasse (nach der US-amerikanischen Heiligen mit Dornbirner Wurzeln, 1858–1955), der Marienweg, die Annagasse und die Klaudiastrasse. Die letzten drei haben religiöse oder dynastische Bezüge. Säkular und nach realen Frauen benannt sind in Dornbirn also drei Strassen.

Zur Einordnung: Die Initiative Mapping Diversity hat 32 europäische Grossstädte ausgewertet und kommt auf einen EU-Schnitt von rund 9 % Frauenanteil. Stockholm liegt bei 19,5 %. Dornbirn ist nicht offiziell Teil der Studie, würde mit 6,4 % aber unter dem europäischen Durchschnitt landen.

Eine methodische Anmerkung dazu: Reine Nachnamen-Strassen wie Hämmerlestrasse, Batloggstrasse oder Nachbauerstrasse sind in dieser Zählung nicht erfasst, weil sie ohne Quellenarbeit nicht eindeutig zuzuordnen sind. Sehr wahrscheinlich verweisen sie auf lokale Industriellenfamilien und damit auf weitere Männer. Eine vollständige Auswertung findet sich in Albert Bohles Aufsatz zu den Dornbirner Strassenbezeichnungen. Wer die unklassifizierten Strassen mitzählen würde, käme auf einen noch niedrigeren Frauenanteil.

Genau dort setzt Frauenspuren an. Wo das Stadtbild eine Repräsentationslücke lässt, legt der digitale Rundgang sie frei.

Frauengeschichte ist nicht eine Geschichte, sondern viele

Die einfache Variante wäre, Frauengeschichte als Galerie heroischer Pionierinnen zu erzählen: lauter starke Frauen, die alle Hindernisse überwunden haben, alle bewundernswert, alle vorbildhaft. Das ist nicht der Anspruch von Frauenspuren.

Der Rundgang erzählt von Erfinderinnen ebenso wie von Marktfrauen. Von Ärztinnen ebenso wie von Wirtinnen. Von Widerstandskämpferinnen ebenso wie von Nationalsozialistinnen. Von international gefeierten Sängerinnen ebenso wie von Botanikerinnen, deren wissenschaftliche Arbeit zu Lebzeiten niemand wahrnehmen wollte. Migrationsgeschichten kommen vor – die Trentinerin, die zur Dornbirner Institution wurde – und Klassenwidersprüche zwischen Industriellentöchtern und Textilarbeiterinnen ebenfalls.

Diese Vielfalt weiblicher Lebensrealitäten ist nicht Beiwerk, sondern der Punkt. Frauen waren reich, arm, religiös, säkular, mutig, feige, ungerecht behandelt und selbst ungerecht. Eine ehrliche Frauengeschichte muss diese Vielschichtigkeit aushalten, statt sie glattzubügeln.

Frauenspuren stellt unbequeme Geschichten neben heldenhafte. Es stellt das Engagement einer Sozialdemokratin neben die Komplizenschaft einer NS-Funktionärin. Es sagt nicht „so waren die Frauen“, sondern „so verschieden waren sie“. Das ist intersektionales, inklusives Erzählen: nicht die eine Erzählung, sondern viele Erzählungen, die einander widersprechen dürfen.

Warum Sichtbarkeit kein Symbolthema ist

Die Frage, wer im öffentlichen Raum vorkommt – auf Strassenschildern, Denkmälern, Gedenktafeln – hört sich nach einer Debatte für Sonntagsfeuilletons an. Praktisch ist sie das nicht. Repräsentation ist eine Form von kollektivem Gedächtnis – und kollektives Gedächtnis war historisch patriarchal sortiert. Sie entscheidet darüber, wessen Lebensleistungen als selbstverständlich überliefert werden und wessen Geschichten man aktiv suchen muss, um sie zu finden.

Mädchen, die durch eine Stadt gehen, in der 88 von 94 Personen-Strassen Männer ehren, lernen mit jeder Wegstation eine stille Lektion: Wer Geschichte macht, sieht aus wie die. Frauen, die in derselben Stadt etwas geleistet haben, müssen erst gesucht werden. Sie sind möglich, aber sie bleiben die Ausnahme.

Ein digitaler Rundgang lässt sich nicht über Nacht in 88 neue Strassenschilder verbauen, und das ist auch nicht der Anspruch. Er kann aber eine zweite Schicht über die Stadt legen. Wer Frauenspuren geht, erlebt Dornbirn nicht mehr nur als Bühne der Industriellenfamilien und Bürgermeister, sondern auch als Stadt der Botanikerin, der Brauereibesitzerin, der Marktfrau und der Politikerin. Inklusive der Mitläuferinnen und Täterinnen. Eine vollständigere Stadt also, eine, in der Frauen vorkommen.

Sichtbarkeit heisst damit: zusätzlich, nicht stattdessen. Den Männern wird nichts weggenommen. Den Frauen wird etwas zurückgegeben – ein Stück HerStory in einer Stadt, deren History bisher männlich erzählt wurde.

Bildung, die alle erreicht: niedrigschwellig, kostenlos, dauerhaft

Bildungsarbeit, die alle erreichen will, hat es immer mit zwei Hürden zu tun. Die eine ist der Zugang: Kostet es etwas? Braucht es eine Anmeldung? Bin ich an feste Zeiten gebunden? Die andere ist die Vermittlung: Klingt das nach Universität, Aktivismus oder Schule – und in einer Tonlage, mit der ich nichts anfangen kann?

Frauenspuren versucht beide Hürden möglichst flach zu halten. Nicht aus pädagogischem Idealismus, sondern weil nachhaltige Bildung genau das verlangt: Inhalte, die ohne Türsteher zugänglich sind und in der Lebenswelt der Lernenden andocken.

Konkret heisst das:

  • Kostenlos. Kein Eintritt, keine Lizenz, keine versteckten Gebühren.
  • Ohne App-Download. Die WebApp läuft im Browser, auf jedem Smartphone, ohne Speicherplatz zu kosten und ohne App-Store-Hürde.
  • Ohne Registrierung. Keine E-Mail, kein Passwort, kein Konto. Datenschutz ist eingebaut, nicht nachgerüstet (Privacy by Design).
  • Mehrsprachig. Audioguides auf Deutsch und Englisch öffnen den Rundgang für Tourist:innen, internationale Schulgruppen und Menschen mit anderen Erstsprachen.
  • Selbstbestimmtes Tempo. Wer fünf Minuten hat, hört eine Station. Wer eine Stunde Zeit hat, geht den ganzen Rundgang. Niemand wird gehetzt, niemand abgehängt.
  • Dauerhaft online. Keine zeitlich begrenzte Ausstellung, kein einmaliges Event. Der Rundgang bleibt – und mit ihm das Wissen.
  • Ortsbasiert (place-based learning). Lernen am Originalschauplatz wirkt nachweislich tiefer als Lernen in dekontextualisierten Räumen. Was an der Strassenecke erzählt wird, an der es passiert ist, hat eine andere Wucht als ein Absatz im Schulbuch.

Diese Eigenschaften zusammen machen Frauenspuren zu einem Bildungsangebot im Sinn der Bildungsgerechtigkeit und der Geschlechtergerechtigkeit: Es schliesst niemanden über Geld, Technik, Sprache, Zeit oder körperliche Bewegungsfähigkeit aus – und es holt jene Frauen in den Stadtraum zurück, die der bisherige Geschichtskanon übersehen hat.

Inklusive Geschichtsvermittlung und digitale Inklusion sind hier dasselbe: Wissen gehört nicht einer Elite, sondern der Stadt.

Wie der Rundgang funktioniert

Frauenspuren ist eine ortsbasierte WebApp, die im Browser läuft. Sie funktioniert auf jedem Smartphone, ohne Installation, ohne Konto, ohne Werbung.

An jeder Station gibt es:

  • einen Audioguide auf Deutsch oder Englisch, gesprochen wie ein Hörspiel
  • historische Fotografien und Dokumente aus dem Stadtarchiv Dornbirn
  • herausragende Illustrationen von Lisa Althaus
  • die interaktive Karte mit GPS-Navigation zur nächsten Station
  • Verweise auf andere i.appear-Rundgänge, falls Stationen sich überschneiden (etwa der Gedenkstein im Museumspark, der auch in hist.appear und Buntes Dornbirn vorkommt)

Den Rundgang kann man am Stück gehen oder über mehrere Tage verteilen, einzelne Stationen herauspicken oder vom Sofa aus erkunden, wenn man gerade nicht in Dornbirn ist – die Audios und Bilder funktionieren überall.

Kostenlos. Kein Download. Kein Account. Keine Datenerhebung. So wie alles bei i.appear. Wer mehr über das Format wissen will: Was ist ein digitaler Stadtrundgang?

Wann, wo, wie

  • Start: Mai 2026
  • Stadt: Dornbirn (Vorarlberg, Österreich)
  • Sprachen: Deutsch, Englisch
  • Zugang: iappear.app/de → Region Dornbirn → i.history → Frauenspuren
  • Buch zum Rundgang: Roswitha Fessler, Frauenspuren – ein anderer Blick auf Dornbirns Geschichte im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Dornbirner Schriften Band 54, 192 Seiten

Wer das nächste Mal über den Marktplatz geht, an der Pfarrkirche vorbei, durch die Marktstrasse, an der inatura entlang oder am Museumspark steht, hat ab Mai 2026 die Möglichkeit, eine zweite Schicht über die Stadt zu legen. Eine Schicht, die zeigt, wer dort gewohnt, gearbeitet, gestritten, geforscht, gesungen und widersprochen hat – die Hälfte, die in den Strassennamen kaum vorkommt.

Folge-Beiträge

  1. Frauenspuren sind live: Neun Dornbirnerinnen kehren in die Stadt zurück

Den Rundgang ab Mai 2026 erleben: Frauenspuren in der i.appear-WebApp →

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