Wenn eine Klasse ein i.grow-Projekt durchläuft, passieren zwei Dinge gleichzeitig. Die Schüler:innen lernen ein Thema kennen – Stadtgeschichte, Werte, Erinnerungskultur, was auch immer der Anlass ist. Und sie lernen, wie man ein digitales Format selbst gestaltet: recherchiert, schreibt, aufnimmt, gestaltet, veröffentlicht. Beides verschränkt sich. Wer eine Geschichte selbst erzählen muss, versteht sie anders als wer sie nur hört.
Was am Ende dasteht, ist kein Schulprojekt im Sinne einer Hausübung – sondern ein digitaler Stadtrundgang, der online bleibt. Eltern können ihn gehen. Mitschüler:innen ebenfalls. In zwei Fällen ist daraus etwas geworden, das die ganze Stadt nutzen kann.
Dieser Beitrag beschreibt den Workflow. Er richtet sich an Lehrkräfte und Schulleitungen, die wissen wollen, was bei einem i.grow-Projekt konkret passiert – und welchen Aufwand sie einplanen müssen.
Zwei reale Beispiele, mit denen wir arbeiten
Bevor wir in den Ablauf gehen: kurz das, was bisher mit Schulen entstanden ist.
Zusammenwachsen ist ein Rundgang einer Klasse der Mittelschule Feldkirch-Levis. Vier Stationen. Die Frage, die sich die Jugendlichen gestellt haben, war: Was hält uns zusammen? Welche Werte teilen wir? Sie haben ihre Antworten in Interviews festgehalten, eigene Geschichten dazu geschrieben, daraus Bilder, Animationen, Fotos und kurze Filme produziert. Der Rundgang ist seit der Veröffentlichung Teil der i.appear-Plattform und in Feldkirch begehbar. Ermöglicht über die Förderschiene Kunst ist Klasse des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport.
Ein Oktobertag ist ein Rundgang einer Klasse der Mittelschule Feldkirch-Oberau. Fünf Stationen. Thema: die Bombenabwürfe über Feldkirch am 1. Oktober 1943. Die Klasse hat sich dem Zweiten Weltkrieg über Recherche, Gespräche und kreative Methoden angenähert. Der Rundgang führt heute jung und alt von der Innenstadt zum Antoniushaus. In Zusammenarbeit mit der Autorin Erika Kronabitter und einem Beitrag des Klangkünstlers Arno Oeri. Ebenfalls über Kunst ist Klasse gefördert.
Beides sind keine Lehrstücke aus der Theorie. Beides ist mit Klassen entstanden, an denen wir gemeinsam Recherche, Produktion und Veröffentlichung gestaltet haben. Was sie zeigen: Es funktioniert, und es lässt sich – mit klarer Struktur – im Schuljahr realisieren.
Wie der Workflow im Detail aussieht
Ein i.grow-Projekt läuft in fünf zusammenhängenden Phasen. Sie sind nicht starr aufeinander folgend, sondern überlappen oft – Recherche und Produktion etwa wechseln sich ab. Der Rahmen sieht aber so aus:
1. Auftakt: Idee, Thema, Klärung der Rahmenbedingungen
Am Anfang steht ein Gespräch zwischen der Lehrkraft und i.appear. Geklärt wird, woran die Klasse arbeiten möchte, welches Fach (oder welche Fächer) das Projekt trägt, wie viel Zeit zur Verfügung steht und welche organisatorische Form am besten passt – ein konzentrierter Block in einer Projektwoche, regelmässige Termine über mehrere Monate, ein Halbjahresprojekt.
Die Themenwahl ist offen. In der Praxis funktionieren ortsbezogene Themen besonders gut: lokale Geschichte, Erinnerungskultur, Werte und Zusammenleben, Stadtentwicklung, Migration. Wichtig ist, dass es einen realen Bezug zum Lebensraum der Schüler:innen gibt. „Bombardierung Feldkirch 1943“ hat einen anderen Klang, wenn der Antoniushaus-Hof draussen vorm Klassenzimmer liegt.
Am Ende dieser Phase steht eine grobe Stationen-Logik: wieviel Stationen, was an welchem Ort, welche Erzählhaltung, welche Medienformate.
2. Recherche: mit echten Quellen arbeiten
Die Klasse teilt sich in Teams. Jedes Team übernimmt eine oder zwei Stationen und beginnt mit der Recherche. Hier wird das Projekt von einem Schul-Workshop zur Medienproduktion: Schüler:innen arbeiten mit Stadtarchiv-Material, Zeitungsarchiven, Fotos, alten Plänen. Sie führen Interviews mit Zeitzeug:innen, Anwohner:innen oder Fachleuten – je nachdem, was das Thema verlangt. Sie lernen, Quellen einzuordnen: Wer hat das gesagt, wann, in welcher Absicht? Was ist Tatsache, was Erinnerung, was Interpretation?
Diese Phase ist anstrengender als sie im Lehrplan klingt. Sie ist gleichzeitig die, in der die meisten der unterrichtlichen Kompetenzen wirklich entstehen – Quellenkritik, Strukturieren, Auswählen, Verantwortung.
i.appear begleitet diesen Schritt mit Methodik (wie führt man ein Interview, wie prüft man eine Quelle), durch Vermittlung an Archive (das Stadtarchiv Dornbirn etwa ist langjähriger Kooperationspartner) und durch das, was Marilena Tumler aus ihrer Praxis als Historikerin und Medienethikerin mitbringt: das Beharren darauf, dass nichts in den Rundgang kommt, das nicht belegt ist.
3. Medienproduktion: Texte, Audio, Bild, manchmal mehr
Aus der Recherche werden konkrete Inhalte. Die Schüler:innen schreiben die Stationstexte – knapp, erzählend, für ein Publikum, nicht für die Lehrkraft. Sie nehmen Audio auf: gesprochene Texte, Interview-Ausschnitte, manchmal Originaltöne aus dem Stadtraum. Sie produzieren Bilder, Illustrationen oder kurze Videos. Bei Zusammenwachsen haben Schüler:innen ihre Inhalte mit Animationen und Filmen erweitert. Bei Ein Oktobertag kam ein Beitrag des Klangkünstlers Arno Oeri dazu.
Hier wird auch die ethische Dimension greifbar. Wer wird genannt, wer nicht? Welche Bilder dürfen veröffentlicht werden? Wie geht man mit einem Zeitzeug:innen-Interview um, das schwierige Erinnerungen enthält? Diese Fragen sind nicht Beiwerk, sie sind Teil dessen, was Schüler:innen lernen sollen, wenn sie selbst publizieren.
i.appear bringt in dieser Phase Werkzeuge mit – Audioaufnahmegeräte, Schnittsoftware, Vorlagen –, vor allem aber die didaktische Begleitung, wie aus Rohmaterial ein veröffentlichungsfähiger Beitrag wird.
4. Bauen: Inhalte gehen in die Plattform
Die fertigen Inhalte werden in die i.appear-Plattform integriert. An welcher Stelle die Schüler:innen selbst im Content-Management-System arbeiten und wo das i.appear-Team die finale Bearbeitung übernimmt, ist je nach Klasse und Projektgrösse unterschiedlich. In jedem Fall ist die Klasse beteiligt: an der Reihenfolge der Stationen, an der Auswahl, was wo platziert wird, an Layout-Entscheidungen.
Die finale technische Veröffentlichung – das saubere Aufsetzen in Storyblok, das Verbinden mit der i.appear-WebApp, das Einbinden interaktiver Elemente – erledigt das i.appear-Team. Das ist eine bewusste Entscheidung. Schüler:innen sollen Medienproduktion lernen, aber sie sollen nicht damit kämpfen, warum eine API gerade nicht antwortet. Die Plattform-Verantwortung liegt bei uns.
5. Veröffentlichung und Reflexion
Der Rundgang geht live. Er bekommt einen festen Link, ist über die i.appear-WebApp erreichbar, ohne Download, ohne Anmeldung, ohne Datenerhebung. Die Klasse organisiert in der Regel eine kleine Veröffentlichung – Eltern, Mitschüler:innen, manchmal Gemeindepolitik oder lokale Presse. Bei Ein Oktobertag etwa hat der Rundgang in Feldkirch breites Echo gefunden, einschliesslich einer Begleitung in den Vorarlberger Nachrichten.
Danach folgt die Reflexion in der Klasse. Was haben wir gelernt? Was ist gut gelaufen, was würden wir anders machen? Wie reagieren die Nutzer:innen? – wobei „Nutzer:innen“ hier nicht aus einem Analytics-Dashboard kommen. i.appear erhebt keine Daten, das ist Privacy by Design. Rückmeldungen kommen über das, was im Stadtraum sowieso schon funktioniert: Gespräche, E-Mails, Beobachtungen. Das ist langsamer als ein Live-Counter, aber ehrlicher.
Was die Schule mitbringt – und was i.appear mitbringt
Eine der häufigeren Sorgen vor dem Start: Müssen wir eine technische Infrastruktur aufbauen? Brauchen die Schüler:innen Vorkenntnisse? Müssen wir teure Geräte anschaffen?
Die Antwort ist: nein.
Was Sie als Schule mitbringen
- eine Klasse mit einer Lehrkraft als Ansprechperson
- Zeit – als Stundenblock, Projekttage oder über mehrere Wochen verteilt
- Smartphones der Schüler:innen oder Schul-Devices für Recherche und Aufnahmen
- einen Arbeitsplatz: Klassenzimmer plus, je nach Thema, Aussenstationen in der Stadt
Was i.appear mitbringt
- die Workshop-Leitung mit didaktischer Gesamtverantwortung
- die Plattform – WebApp, CMS, Hosting; Privacy by Design vorinstalliert
- Werkzeuge für Recherche, Audio, Bild, gegebenenfalls AR
- Methoden aus vergleichbaren Projekten plus Kooperationen mit Archiven, Museen, Fachpartner:innen
- die finale technische Veröffentlichung des Rundgangs
Schüler:innen brauchen keine Vorerfahrung mit CMS, Audio-Schnitt oder Mediengestaltung. Was sie können müssen, lernen sie im Projekt – und genau das ist der Punkt.
Drei Formate, je nach Tiefe
Nicht jede Schule hat dieselben Möglichkeiten. i.grow ist deshalb in drei Formaten organisiert:
- Schnupperprojekt – ein bis zwei Tage, ein Mini-Format für eine Klasse. Geeignet, wenn das Kollegium oder die Schulleitung erst einmal ausprobieren möchte, was hier eigentlich passiert. Am Ende des Schnupperprojekts hat die Klasse eine erste, kleine Medienarbeit erstellt; die Schule weiss, ob das Format zu ihr passt.
- Projektpaket – mehrere Tage oder Wochen, ein vollständiger Workshop-Zyklus aus Recherche, Produktion und Veröffentlichung. Aus diesem Format sind etwa Ein Oktobertag und Zusammenwachsen hervorgegangen.
- Jahresprogramm – über ein Schuljahr verteilt, mit mehreren Modulen unterschiedlicher Tiefe. Geeignet für Schulen, die Medienproduktion strategisch zur Schulkultur machen wollen.
Die konkreten Pakete – wie viele Stationen, welche Medienformate, wie viel Begleitung, welche Förderschiene – besprechen wir im Vorgespräch. Förderwege wie Kunst ist Klasse des BMKÖS haben in der Vergangenheit mehrfach getragen, was ohne Förderung schwer zu stemmen wäre.
Wozu das passt – und warum jetzt
i.grow knüpft an mehreren Lehrplan-Linien an: Digitale Grundbildung in der Sek I, Technik und Design, Informatik, Ethik und ab dem Schuljahr 2027/28 das neue Pflichtfach Medien und Demokratie in der AHS-Oberstufe. Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit dieser Reform und der Lehrplan-Verschränkung steht im Beitrag Medien und Demokratie als Pflichtfach – was Schulen ab 2027/28 brauchen werden.
Kurz: i.grow operationalisiert die Frankfurt-Dreieck-Logik (Technologie, Gesellschaft, Interaktion) in einem konkreten, ortsgebundenen Projektformat. Wenn Schüler:innen einen Rundgang produzieren, arbeiten sie an digitalen Werkzeugen, gesellschaftlichen Themen und an ihrer eigenen Rolle als Gestalter:innen gleichzeitig. Das ist genau die Verschränkung, die der Lehrplan fordert – nur eben nicht im Klassenzimmer, sondern in der Stadt.
Was bleibt
Ein Schulprojekt verschwindet meistens nach der Bewertung. Ein i.grow-Projekt bleibt online. Der Rundgang hat einen festen Link, ist Teil einer wachsenden Plattform mit zehn Rundgängen in vier Vorarlberger Regionen, und kann von anderen genutzt werden – Eltern, Stadtgesellschaft, Tourist:innen, andere Schulen.
Für die beteiligten Schüler:innen heisst das: Die eigene Arbeit ist nicht für die Schublade, sondern für die Stadt. Das ist eine andere Erfahrung von Schule. Es ist auch eine andere Erfahrung von Medien: Wer einmal selbst publiziert hat – mit echten Quellen, mit ethischen Abwägungen, mit dem Wissen, dass das Ergebnis dauerhaft öffentlich ist –, geht anders durch die Welt der sozialen Medien.
Wie Sie einsteigen können
Der erste Schritt ist ein Gespräch. Themenidee, Schulkontext, Zeitfenster, mögliche Förderwege – das lässt sich in einer Stunde durchgehen. Aus diesem Gespräch entsteht ein konkretes Konzept, das wir Ihnen schriftlich zukommen lassen.
Den vollständigen Workflow von der ersten Idee bis zur Übergabe finden Sie auf der Workflow-Seite von i.appear. Direkter Kontakt: marilena@iappear.app.