In unseren Workshops und Fortbildungen kommt früher oder später verlässlich dieselbe Frage: „Und wie macht ihr das eigentlich selbst?“ Zu Recht. Wer über Medienethik und KI-Kompetenz spricht, sollte die eigene Praxis offenlegen können. Dieser Beitrag tut genau das: ein ehrlicher Einblick, wo Künstliche Intelligenz bei i.appear mitarbeitet – und wo sie bewusst draussen bleibt.
Vorweg das Wichtigste: Wir arbeiten gern mit KI. Sie macht unsere Arbeit schneller, gründlicher und hat manches überhaupt erst möglich gemacht. Gleichzeitig sind wir kritisch – gegenüber den Grenzen der Technologie genauso wie gegenüber den Unternehmen dahinter. Das ist kein Widerspruch: Begeisterung ohne Skepsis wäre naiv, Skepsis ohne eigene Praxis wäre wohlfeil. Ein professioneller Umgang mit KI braucht beides.
Werkzeug, nicht Autor
Unser Grundsatz passt in einen Satz: KI ist bei uns Assistenz, nie Instanz. Sie sortiert vor, bereitet auf, beschleunigt – aber sie entscheidet nichts, konzipiert nichts und verantwortet nichts. Man kann sie sich vorstellen wie eine sehr schnelle, sehr belesene Assistenz, deren Zuarbeit man schätzt – und deren Aussagen man trotzdem grundsätzlich nachprüft.
Diese Rollenverteilung ist keine Bescheidenheits-Floskel, sondern hat einen handfesten Grund: Sprachmodelle können überzeugend formulieren, was falsch ist. Sie erfinden Quellen, glätten Widersprüche und übernehmen unbemerkt Verzerrungen aus ihren Trainingsdaten. Für ein Unternehmen, das mit historischen Fakten, echten Biografien und Bildungsinhalten arbeitet, ist das keine Fussnote – es ist der Kern der Sache.
Wofür wir KI einsetzen
Drei Einsatzfelder haben sich bei uns bewährt. Alle drei haben gemeinsam, dass KI dort Zuarbeit leistet, deren Ergebnis wir prüfen können:
- Recherche-Assistenz. KI hilft uns, grosse Textmengen vorzusortieren, Literatur querzulesen und erste Übersichten zu erstellen. Was sie liefert, behandeln wir als Hinweis, nie als Beleg: Jede Aussage, die in einen Rundgang oder einen Artikel wandert, wird an Primärquellen geprüft – an Archivmaterial, Chroniken, Fachliteratur und Gesprächen mit Menschen, die es wissen müssen.
- Wiederholbare Prozesse. Überall dort, wo derselbe Handgriff zum hundertsten Mal ansteht, automatisieren wir: Inhalte in das Content-Management-System übertragen, Medien für verschiedene Geräte und Verbindungen aufbereiten, Formate konvertieren, Daten für Visualisierungen vorrechnen. Die Regeln dafür definieren wir – die KI führt aus. Wie viel Rechenarbeit in so einem Prozess stecken kann, zeigt unser Making-of Von der Urmappe zur 3D-Datenvisualisierung.
- Qualitätssicherung. Konsistenz-Checks über viele Seiten hinweg, tote Links, fehlende Metadaten, Tippfehler: KI ist ausgezeichnet in genau der Fleissarbeit, bei der menschliche Aufmerksamkeit ermüdet. Das Urteilen – ob etwas gut, fair oder richtig ist – bleibt trotzdem bei uns.
Wofür wir KI bewusst nicht einsetzen
Genauso wichtig wie die Einsatzfelder sind die Bereiche, die wir der KI nicht überlassen – nicht, weil es technisch unmöglich wäre, sondern weil es falsch wäre:
- Entscheidungen. Welche Geschichte erzählt wird, welche Personen sichtbar werden, welcher Ort eine Station bekommt – das sind kuratorische Entscheidungen mit Wirkung. Wessen Geschichte erzählt wird, ist immer auch eine Machtfrage, und die delegiert man nicht an ein Sprachmodell. Wie bewusst solche Auswahl-Entscheidungen fallen, zeigt exemplarisch unser Projekt Frauenspuren Dornbirn.
- Konzepte und Ideen. Die Dramaturgie eines Rundgangs, das didaktische Design eines Workshops, die Idee hinter einem Projekt – das entsteht im Gespräch: mit Gemeinden, Schulen, Archiven und den Menschen vor Ort. KI kann Konzepte zusammenfassen. Entwickeln sollen sie Menschen mit Ortskenntnis und Haltung.
- „Historisches“ Bildmaterial. Wir generieren keine KI-Bilder, die historische Szenen vortäuschen. Bei i.history arbeiten wir ausschliesslich mit echten Quellen – ein KI-generiertes „Foto von 1900“ wäre keine Illustration, sondern Geschichtsfälschung.
- Personenbezogene Daten. Sensible und personenbezogene Daten haben in KI-Systemen nichts verloren. Punkt.
Fünf Grundsätze, an denen wir uns messen lassen
Aus dieser Praxis haben sich fünf Grundsätze herausgebildet. Sie hängen bei uns nicht als Poster an der Wand – sie sind die Checkliste, durch die jedes Projekt läuft:
- Menschen entscheiden, KI assistiert. Jede Auswahl, jede Deutung, jede Freigabe ist menschlich.
- Quellen schlagen Modelle. KI-Ausgaben sind Hinweise. Belege kommen aus Archiven, Literatur und Gesprächen.
- Nichts geht ungeprüft online. Was KI mit vorbereitet hat, wird von Menschen geprüft, bevor es veröffentlicht wird – ohne Ausnahme.
- Daten bleiben geschützt. Keine personenbezogenen oder vertraulichen Daten in KI-Systemen, Datenverarbeitung nur auf DSGVO-konformer Grundlage.
- Werkzeugwahl ist Wertewahl. Wer KI einsetzt, finanziert und legitimiert das Unternehmen dahinter. Deshalb schauen wir genau hin, wem wir unsere Arbeit anvertrauen.
Der fünfte Grundsatz führt direkt zu der Frage, die uns am häufigsten gestellt wird.
Warum Claude? Unsere Anbieter-Entscheidung, transparent gemacht
Für unsere KI-gestützte Arbeit nutzen wir hauptsächlich Claude, das KI-Modell des US-Unternehmens Anthropic. Diese Entscheidung ist uns nicht zugefallen – sie hat Gründe, die man nachlesen kann:
- Rechtlich verankerte Gemeinwohl-Bindung. Anthropic ist als Public Benefit Corporation organisiert – eine Rechtsform, die das Unternehmen ausdrücklich auf einen Gemeinwohl-Zweck verpflichtet, nicht allein auf Gewinnmaximierung. Das klingt nach Formalie, verändert aber, woran sich ein Unternehmen rechtlich messen lassen muss.
- Sicherheitsforschung als Kernaufgabe. Anthropic wurde 2021 von Forscher:innen gegründet, die die Sicherheit von KI-Systemen ins Zentrum ihrer Arbeit stellen. Mit der Responsible Scaling Policy hat sich das Unternehmen ein veröffentlichtes Regelwerk mit definierten Sicherheitsstufen auferlegt, an dem sich jede neue Modellgeneration messen lassen muss.
- Nachlesbare Prinzipien statt Blackbox. Claude wird mit dem Ansatz Constitutional AI trainiert: Das Verhalten des Modells orientiert sich an einem veröffentlichten Katalog von Prinzipien, der sich unter anderem an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte orientiert. Man kann also nachlesen, woran sich das Modell halten soll. Für uns, die wir Transparenz predigen, ist das ein entscheidender Punkt.
- Datenumgang. Für die geschäftliche Nutzung gilt: Eingaben werden standardmässig nicht zum Training der Modelle verwendet, und die Auftragsverarbeitung ist DSGVO-konform vertraglich geregelt. Für ein Unternehmen, das mit Schulen, Archiven und Gemeinden arbeitet, ist das keine Kür, sondern Voraussetzung.
Heisst das, Anthropic sei über jede Kritik erhaben? Nein. Auch Anthropic ist ein gewinnorientiertes Unternehmen mitten im schnellsten Technologie-Wettlauf der Gegenwart, und ob selbst auferlegte Regeln dem kommerziellen Druck standhalten, muss sich immer wieder aufs Neue zeigen. Genau deshalb verstehen wir unsere Anbieter-Wahl nicht als einmaliges Bekenntnis, sondern als laufende Entscheidung: Wir beobachten, wir vergleichen – und wir würden wechseln, wenn Anspruch und Praxis auseinanderlaufen.
Dieselben Fragen stellen sich überall
Der Dreischritt, der unsere Praxis ordnet – Wofür setzen wir KI ein? Wo bewusst nicht? Und wem vertrauen wir dabei? – ist nicht i.appear-spezifisch. Es sind exakt die Fragen, vor denen gerade jede Organisation steht. Der EU AI Act verlangt seit Februar 2025 sogar ausdrücklich KI-Kompetenz von allen, die KI einsetzen (Artikel 4) – das betrifft Unternehmen genauso wie Schulen.
Genau diese Haltung geben wir weiter: in Fortbildungen für Lehrkräfte, im österreichweit über das OeAD-Netzwerk buchbaren Schul-Workshop Aufwachsen mit KI und in Vorträgen. In der Bildungsschiene i.grow lernen Schüler:innen, KI zu verstehen, einzusetzen und zu hinterfragen – mit derselben Grundregel, die auch für uns gilt: erst denken, dann prompten, immer prüfen.
Und wer für das eigene Unternehmen oder die eigene Organisation klären will, wo KI hilft und wo sie schadet: Die fünf Grundsätze oben sind ein brauchbarer Startpunkt – und ein Gespräch mit uns ein möglicher zweiter Schritt.
Häufig gestellte Fragen
Setzt i.appear Künstliche Intelligenz ein?
Ja – als Recherche-Assistenz, für wiederholbare Prozesse wie Medienaufbereitung und CMS-Befüllung sowie für technische Qualitätssicherung. Nie als Entscheidungsinstanz, Konzept-Ersatz oder Kreativ-Autopilot: Auswahl, Deutung und Freigabe bleiben bei Menschen.
Sind die Inhalte der Stadtrundgänge KI-generiert?
Nein. Die Inhalte entstehen aus klassischer Quellenarbeit – Archivmaterial, Chroniken, Fachliteratur und Gesprächen. KI hilft beim Vorsortieren und Aufbereiten; was veröffentlicht wird, entscheiden und verantworten Menschen. KI-generierte Bilder, die historische Szenen vortäuschen, gibt es bei uns nicht.
Warum arbeitet i.appear mit Claude von Anthropic?
Weil Anthropic als Public Benefit Corporation rechtlich auf einen Gemeinwohl-Zweck verpflichtet ist, Sicherheitsforschung als Kernaufgabe betreibt, das Modellverhalten mit Constitutional AI an einem veröffentlichten Prinzipienkatalog ausrichtet – und weil Eingaben von Geschäftskunden standardmässig nicht zum Training verwendet werden. Wir überprüfen diese Wahl laufend.
Prüft ein Mensch alle KI-Ergebnisse?
Ja, ohne Ausnahme. KI-Ausgaben gelten als Hinweise, nicht als Belege: Fakten werden an Primärquellen verifiziert, Texte redaktionell geprüft – nichts geht ungeprüft online.
Was verlangt der EU AI Act von Unternehmen?
Seit 2. Februar 2025 gilt die KI-Kompetenzpflicht aus Artikel 4 der EU-KI-Verordnung: Wer KI-Systeme einsetzt, muss sicherstellen, dass die handelnden Personen über ausreichende KI-Kompetenz verfügen. Das betrifft Unternehmen genauso wie Schulen – und heisst praktisch: klären, wofür KI eingesetzt wird, wo nicht, und die Menschen dafür schulen.
Bietet i.appear Fortbildungen zum KI-Einsatz an?
Ja. Wir vermitteln den kritisch-kompetenten Umgang mit KI in Fortbildungen für Lehrkräfte (SCHILF/SCHÜLF), im Schul-Workshop Aufwachsen mit KI und in Vorträgen – und unterstützen Organisationen, die ihren eigenen KI-Einsatz verantwortungsvoll aufsetzen wollen.
Transparenz bis zum Schluss: Auch dieser Beitrag ist mit Claude als Schreib-Assistenz entstanden. Konzept, Faktenprüfung, Redaktion und Freigabe: Mensch. So halten wir es mit allem, was wir veröffentlichen.
→ Mehr zur Bildungsschiene: i.grow – Medienbildung, Demokratiebildung & KI-Bildung
→ Der KI-Workshop für Schulen: Aufwachsen mit KI
→ Fragen zum verantwortungsvollen KI-Einsatz: Kontakt aufnehmen